„Lieder der Vergangenheit – Lieder der Gegenwart“

Zur Geschichte des Männergesangsvereins 1846 Lambach

 

 

Der Ort Lambach trat durch den allgemeinen Kulturauftrag des Benediktinerstiftes schon immer als musikalisches Zentrum in Erscheinung. Neben vielen anderen Sparten der Kunst wurde im Kloster besonders die Gesangskunst gepflegt, bestand doch darin ein wesentlicher Teil des monastischen Tagesablaufes. Neben den konkreten musikalischen Anforderungen, die zunächst in den Choralgesängen der Mönche zu suchen sind, gab es bereits seit dem Mittelalter ein Singschulinstitut für Knaben. Dessen Hauptanliegen war einerseits die Rekrutierung von Nachwuchssängern, andererseits wurde dort im Besonderen auch Figuralmusik studiert. Während nicht wenige der Chorknaben in dieser kirchenmusikalischen Früherziehung den Grundstein zu ihrer späteren Berufung zum Priesteramt fanden, steuerten andere nach solider Grundausbildung auf eine Laufbahn als Berufsmusiker zu.

Die qualitativ stets hoch einzuschätzenden Kulturaktivitäten eines Klosters waren lange Zeit nur der geschlossenen Gesellschaft von kirchlichen oder adeligen Würdenträgern zugängig. Etwa ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert öffneten sich die Pforten jedoch immer mehr und die Zielgruppe der Teilhaber am Kulturleben wurde sukzessive erweitert. Diese partielle Säkularisierung förderte neue Trägerschaften außerhalb der Klostermauern zu Tage; ein wichtiges Resultat daraus war die Entwicklung des Laienchorwesens. Michael Haydn, den Zeit seines Lebens eine Freundschaft mit dem Stift Lambach verband, soll der erste gewesen sein, der Ende der 1780er Jahre Kompositionen für Männerterzette und -quartette schuf, um diese im Freundeskreis aufzuführen. Als Schöpfer der eigentlichen Gattung „Männerchor“ ist allerdings erst später Hans Georg Nägeli zu nennen. Er gründete 1810 in Zürich den ersten Männergesangsverein und publizierte 1817 eines der wenigen, wenn nicht das einzige Lehrbuch, worin die Grundregeln des Männerchorsatzes und dessen Ausführung aufgeschrieben steht: „Gesangbildungslehre für den Männerchor“.

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Der Ausdruck „Liedertafel“ existiert mitunter noch im heutigen Sprachgebrauch als Synonym für Männerchor. Wie kam es dazu? 1791 gründete Carl Friedrich Christian Fasch die Berliner Singakademie. Mit ihr setzte er sich zum Ziel, den A-capella-Gesang neu zu motivieren und in Kürze wuchs dieses Ensemble zu einem Riesenchor mit über 100 SängerInnen an. Als Fasch 1800 starb, übernahm sein Schüler und Assistent Carl Friedrich Zelter den Verein. Dieser splitterte 1809 eine kleine Männerrunde vom Plenum der Berliner Singakademie ab mit folgender Idee: „... Dem Königshaus eine Stätte der Verehrung zu schaffen, war somit ein weiteres Motiv für die Gründung einer neuen Institution. […] Erst eine kleine Anzahl von fröhlichen Liedern voll Kern und Kraft; die will ich suchen und setzen [...]Liedertafel soll es heißen. Ein Meister mit zwölf Gesellen, oder auch mit bis vierundzwanzig, läßt es sich zusammen bringen.“ Weiters schreibt Zelter an Goethe am 26. Dezember 1809: „ Zur Feyer der Wiederkunft des Königs habe ich eine Liedertafel gestiftet: eine Gesellschaft von 25 Männern, von denen der 25ste der gewählte Meister ist, versammelt sich monatlich einmal bey einem Abendmahle von zwey Gerichten und vergnügt sich an gefälligen Deutschen Gesängen. Die Mitglieder müssen entweder Dichter, Sänger oder Componisten seyn. Der ein neues Lied gedichtet oder componiert hat, liesest oder singt solches an der Tafel vor, oder läßt es singen. Hat es Beyfall, so geht eine Büchse an der Tafel umher, worin jeder (wenn ihm das Lied gefällt) nach seinem Gefallen einen Groschen oder mehr hineintut. ...“

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Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden verschiedene Sängerbunde ins Leben gerufen und große Sängerfeste organisiert. Bis zu 100.000 SängerInnen versammelten sich dann und das Singen bekam wahren Kultstatus. Kein Wunder also, dass 1846 auch aufgeschlossene Lambacher (und Leute aus der Umgebung) die Freude am gemeinsamen Singen entdeckten und in einer guten Stunde einen Männergesangsverein gründeten.

Initiator und erster Obmann war hier der Gemeindearzt Dr. Franz Heppner, unter dessen Leitung der Chor bereits einige ehrenvolle Aufgaben zu erfüllen hatte. Als etwa am 24. April des Revolutionsjahres 1848 die kaiserlichen Nationalgardisten eine Siegeskundgebung am Lambacher Marktplatz abhielten, waren die „frisch gebackenen“ Mitglieder des Männergesangsvereines mitten im Geschehen und stellten dabei ihre neue Fahne erstmals öffentlich zur Verfügung. Das bis zum heutigen Tag im MGV gerne gepflegte Ständchensingen nahm bei einem großen Anlass in der Gründerzeit seinen Ausgang, denn als am 9. August 1848 Kaiser Ferdinand in Lambach übernachtete, war der Verein eingeladen, seine kaiserlichen Ehrerbietungen musikalisch zum Ausdruck zu bringen!

Es blieb aber für die illustre Sängerrunde nicht bei dieser einen majestätischen Begegnung: als der junge Kaiser Franz Joseph 1849 erstmals die Landeshauptstadt Linz besuchte, bat die städtische „Liedertafel Frohsinn“ ihre Kollegen aus Lambach um Verstärkung. Der berühmteste Chorleiter dieses Linzer Männerchores, der übrigens bis heute unter dem Namen „Linzer Singakademie“ weiterexistiert, war Anton Bruckner. Er wendete sich in einigen Werken dem Männerchorwesen zu und der Lambacher Verein verwahrt eine Erstausgabe seines „Germanenzuges“ in seinem Archiv.

Nach dem euphorischen Vereins-Debut gab es in den 1870er-Jahren einen ersten Einbruch. Die Gründungsmitglieder wurden weniger und der Nachwuchs brachte die Beständigkeit des Vereins ins Wanken. In dieser Zeit mussten die gesellschaftlichen Auftritte auf ein Minimum beschränkt bleiben oder ganz und gar ausfallen. Doch das 50-jährige Bestandsjubiläum (1896) wurde offenbar zum Anlass genommen, die Vereinsgeschicke wieder zu sanieren und der Chor trat mit einem großen Benefizkonzert erneut an die Öffentlichkeit; 1897 und 1899 folgten weitere Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Der neue Aufschwung führte kurz nach der Jahrhundertwende zur Gründung eines eigenen Frauenchores und eines Vereinsorchesters, denn in dieser erweiterten Formation war man nun auch in der Lage, große Symphonie- und Oratorienprogramme aufzulegen. Bedeutende Aufführungen initiierten die beiden Kapellmeister Dr. Stritzl (Gerichtsvorsteher) und Karl Pühringer. Die Chronik bezeichnet sie als Dirigenten von Haydns Spätwerk „Die Schöpfung“, Mozarts „Krönungsmesse“, Beethovens 5. Symphonie, von Schuberts „Unvollendeter“ und Rombergs Oratorium „Das Lied von der Glocke“. Eine musikhistorisch äußerst bedeutsame Aufgabe kam dem Männergesangsverein Lambach zu, als das Orchester 1925 die wieder entdeckte „Lambacher Sinfonie“ von Wolfgang Amadeus Mozart uraufführte. Die oberösterreichische Tagespost kündigt im April 1925 dieses Ereignis an: „Für das vom Männergesangsverein Lambach am Palmsonntag geplante Frühjahrsfestkonzert steht eine hochinteressante Uraufführung auf der Vortragsordnung. Im Jahre 1923 wurde, wie berichtet, im Musikarchiv des Benediktinerstiftes Lambach eine bisher unbekannte Sinfonie Wolfgang A. Mozarts aufgefunden, […] welche schon alle Anmut und Leichtigkeit verrät, die an den Werken des älteren Mozart bewundert werden. Es ist ein großer Verdienst des Hausorchesters des obgenannten Vereins und insbesondere seines trefflichen Dirigenten Rudolf Reichart, daß es den Lambachern die erste Bekanntschaft mit dem prächtigen Jugendwerk Mozarts vermittelt.“ Das eigens für diese Aufführung erstellte Notenmaterial liegt heute noch im Musikarchiv des Stiftes.

Im folgenden Jahr (1926) feierte der Chor sein 80-jähriges Bestehen und brachte aus diesem Anlass die große Messe in e-moll von Anton Bruckner zur Aufführung. Außerdem organisierte man in diesem Jahr ein Orgelkonzert mit dem jungen Lehrer Hans David, dem nachmals bekannt gewordenen Komponisten Johann Nepomuk David.

Der ursprüngliche Männerchor aus dem Jahr 1846 war also längst zu einem führenden Kulturverein von überregionaler Bedeutung aufgestiegen. Um das Veranstaltungsangebot durch darstellende Kunst abzurunden, wurde in den 1920er-Jahren eine Theatergruppe ins Leben gerufen, die unter der Regie des Lambacher Konditormeisters Sepp Obermair bald für humorvolle Unterhaltung sorgte. Besonderen Beifall ernteten die Inszenierungen von Nestroys Zauberspiel „Der böse Geist Lumpazivagabundus“ und Hofmannsthals Drama „Jedermann“, das als Freilichtproduktion im Stiftshof zwischen 1934 und 1938 mit dem Salzburger Festspielspektakel am Domplatz ernsthaft konkurrierte. Das seit Herbst 2003 wieder regelmäßig bespielte Barocktheater im Stift Lambach bediente sich in der Spielplangestaltung dieser lokalen Anknüpfungspunkte und strebte für beide Produktionen Wiederaufnahmen an (Nestroy: Juni 2005, „Jedermann“: Juni 2006).

Während des 2. Weltkrieges, und besonders in der Zeit danach, wurden viele Chöre und Musikvereine wegen politischer Indienstnahme schwer in Mitleidenschaft gezogen, und auch in Lambach löste sich der einst angesehene Klangkörper auf. Doch der Vereinsvorstand war anscheinend überzeugt, dass diese missliche Lage einer 100-jährigen Sängervereinigung nicht den Garaus bescheren kann und sie wechselten in die Warteschleife zur Reaktivierung. Als unpolitische Auftaktveranstaltung und Setzung eines neuen Lebenszeichens diente 1956 dem beeinträchtigten, aber lebensfähigen Verein die 900-Jahr-Feier des Stiftes. Unter der Leitung des Lambacher Apothekers und feinsinnigen Musikers Franz Strauß gelang die Gestaltung eines Konzertes in der gewohnten Qualität. Doch bald nach dieser geglückten Rekapitulation des alten Personalstandes – der Verein umfasste immerhin wieder 28 Damen, 29 Herrn und 16 Orchestermitglieder – mussten Teile des Vereins abgestoßen werden. Der Theaterzweig blieb beim Neustart nach dem Krieg ohnehin bereits unberücksichtigt, Anfang der 1960er-Jahre kamen der Oberstimmenchor und das Orchester zum Erliegen. Der überalterte und auf seine Gründungsintention zurückgeworfene Männerchor konnte jedoch unter der agilen Leitung des Lambacher Schuldirektors Heinrich Rampetsreiters erstmals wieder junge Sänger in größerem Ausmaß gewinnen, was aber zwangsläufig zu Generationskonflikten führte. Rampetsreiter nahm nach vielen unseligen Streitigkeiten inmitten einer Chorprobe den Hut und kehrte dem Verein für immer den Rücken. Da es ihm aber zu verdanken war, dass sich die vielen jungen Männer zur Sängerrunde gesellten, schieden die meisten gleichzeitig mit Rampetsreiters Abgang wieder aus.

Nach dieser Krise übernahm der Hauptschullehrer Josef Famler den Chor, der sich zudem mit einer Amtszeit von über 27 Jahren den Platz des am längsten dienenden Chorleiters sicherte. In seiner Epoche galt es, die Mitgliedschaft im Verein trotz der abgefallenen Allüren, die der Verein in den vergangenen 60 Jahren zweifellos genoss, so attraktiv wie möglich zu gestalten und den Fortbestand zu sichern. Durch sein ruhiges und ausgleichendes Temperament gelang es ihm einerseits, die Wogen der Vergangenheit einzuebnen, andererseits konnte er auch einige musikalische Erfolge verzeichnen. Hervorzuheben ist die Gestaltung eines Konzertabends zur Wiedereröffnung des restaurierten Barocktheaters im Jahr 1983, thematischer Mittelpunkt war damals der Lambacher Mundartdichter und Theatermacher P. Maurus Lindemayr (1723-1783).

Nach den Beschwernissen eines hohen Alters übergab er im Oktober 1991 die Geschicke der Chorleitung in jüngere Hände und fand in dem Lambacher Musikstudenten Peter Deinhammer einen ambitionierten Nachfolger. Höhepunkte waren 1996 die 150-Jahr-Feier, die gemeinsam mit dem Männerchor der Partnergemeinde Reichenschwand gestaltet wurde, 1997 ein Schubert-Gedenkkonzert und 2001 ein großer Konzertabend "Die Winterreise" im Sommerrefektorium des Stiftes. Im Februar 2003 veranstaltete der MGV ein Konzert im Barocktheater zum Thema "Aus der Gründerzeit der Männerchöre", das gleichzeitig den Abschluss von Deinhammers knapp 12-jähriger Chorleitertätigkeit bildete. Anschließend wurden der Chor von Paul Neubauer übernommen, dem es binnen kurzer Zeit gelang, die Sängerschaft bei verschiedenen Wertungssingen zu beteiligen und Preise bei regionalen Chorwettbewerben zu gewinnen. Jedoch schon nach kurzer Zeit musste er aus gesundheitlichen Gründen das Amt wieder zurücklegen. Nach einiger Zeit der interimistischen Leitung durch P. Johannes Rupertsberger, übernahm im Sommer 2006 anlässlich des Festkonzertes "160 Jahre MGV Lambach" erneut Peter Deinhammer die Leitung des Chores. Nun folgten jährliche Konzertauftritte mit besonderen Themen:

 

Herbst 2007

"Wer hat dich, du schöner Wald"

Ein Jagdkonzert.

 

Herbst 2008

"Lass rumergahn, guets weinlein -

Musick, Tantz und allerley Gaumenfrewden"

Ein Mittelalterkonzert, gemeinsam mit dem Barocktheater Lambach und mit dem Salzburger Mittelalterensemble "Dulamans Vröudenton".

 

Herbst 2009

"Heldengedenken"

Ein Gerüst aus Musik, Dialekt, Fotografie und 14 Strohhelden, gemeinsam mit Hans Kumpfmüller und den Fanfarenbläsern Kastenhuber

 

Herbst 2010

Johannes Brahms:

Rhapsodie f. Alt, Männerchor und Orchester, op. 53

Gemeinschaftskonzert mit dem Orchester Stadl-Paura/Lambach

 

Herbst 2011

Pause

 

Herbst 2012

"Der am Rausche unschuldige Bacchus"

Singspiel von P. Maurus Lindemayr u. Franz J. Aumann

 

Im Februar 2008 wird Karl Deinhammer Obmann des Vereins. Außer den konzertanten Auftritten war es dem Männergesangsverein immer ein Anliegen, das Gemeindeleben im Allgemeinen mitzugestalten und er lässt sich seit Gründungstagen immer wieder gerne auch bei kirchlichen oder kommunalen Anlässen hören.

Mit der Jahreshauptversammlung am 12. Februar 2013 legte Peter Deinhammer das Amt als Chorleiter zurück und übergab es an Heinz Kastenhuber.

                                                                                                                     

                                                                                                                      Peter Deinhammer

 

 

 

1.)

Seid Allegro im Entschließen
und Adagio im Genießen!

 

2.)

Wer Forte seine Pflichten übt
und Piano das Vergnügen liebt,

 

3.)

der lebt in reinster Harmonie,
des Lebens schönste Symphonie
.